„Wir müssen die Kleinteiligkeit überwinden“

Dr. Steffen Preissler ist Abteilungsleiter für Wissens- und Technologietransfer am Fraunhofer IMW. Im Interview erklärt er, wie angewandte Forschung kleine und mittelständische Unternehmen unterstützen und der Mittelstand von einem länderübergreifenden Wissenstransfer profitieren kann.

Lieber Herr Dr. Preissler, erklären Sie bitte kurz den Unterschied zwischen angewandter Forschung und Begleitforschung.

Begleitforschung ist stärker beobachtend, so war Sozioökonomie früher gestaltet. Heute machen wir anwendungsorientierte Sozialforschung, das heißt wir gehen mehr in die Unternehmen rein und schauen, was man dort mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Gepäck besser machen kann.

Erzeugt das nicht eine Abwehrhaltung?

Im Gegenteil. Bei den Kunden kommt das in vielen Wissenschaftsprojekten sehr gut an. Projekte wie bspw. die Elektromobilitätsplattform, die einen europäischen Anspruch haben und an der zahlreiche Konsortien beteiligt sind, halten konkrete Aufgaben für die Sozioökonomie bereit. Je komplizierter Projekte werden, umso wichtiger werden zum Beispiel Fragen der Organisationsentwicklung.

Was muss passieren, damit KMU noch stärker als bisher von einem länderübergreifenden Wissenstransfer profitieren können? Wie tragen wir am Fraunhofer IMW dazu bei?

Das Internet senkt die Schwelle für Informationszugänge. Auch kleine Unternehmen können so mit geringem finanziellen Aufwand Talente, Ideen, Märkte und Kunden im Ausland recherchieren. Oft fehlen in den Unternehmen aber die entsprechenden Instrumente oder Kapazitäten. Hier werden wir tätig, indem wir zum Beispiel Coachings anbieten. Wir sensibilisieren KMU für Themen wie Technologiesuche und Kooperationsfähigkeit. Wissens- und Technologietransfer findet nämlich häufig in nationalen oder sogar internationalen Netzwerken statt. Unternehmen müssen sich also mit der Frage beschäftigen, welches Wissen oder welche Technologien sie mit wem teilen wollen. Dieses Thema wird in Zukunft noch relevanter werden.

Können Sie uns ein Beispiel für ein Projekt nennen, bei dem diese Veränderungsprozesse aus Ihrer Sicht besonders gelungen sind?

Da fällt mir sofort AGENT_3D ein – ein Projekt, in dem es darum geht, die 3D-Drucktechnologie als Schlüsseltechnologie Deutschlands voranzubringen. Am Projektkonsortium sind neben großen Unternehmen auch viele KMU beteiligt. Wir diskutieren gemeinsam, wie wir uns in Zukunft in Wertschöpfungsketten und -netzwerke integrieren können, die es heute noch gar nicht gibt. Diese Diskussionen haben dazu geführt, dass die beteiligten KMU strategische Kapazitäten aufgebaut haben, die sie vorher so nicht hatten. Sie haben dadurch zu einer neuen Sprache gefunden und sind durch diesen Prozess besser auf die Zukunft vorbereitet.

Wie werden sich diese Veränderungen auf Geschäftsmodelle auswirken, vor allem im Mittelstand?

Wenn es nicht gelingt, dass kleine Unternehmen sich relativ schnell untereinander, mit großen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen vernetzen, verlieren sie Zukunftschancen. Dann wird es langfristig schwierig. Wir brauchen also kooperative Geschäftsmodelle, müssen die Kleinteiligkeit überwinden, vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Plattform-Geschäftsmodelle bringen Verbraucher und Anbieter zusammen – und der Vermittler generiert bei jeder Transaktion eine Gebühr. Sind diese Geschäftsmodelle ein Schritt in die richtige Richtung und für den Wissenstransfer im Mittelstand geeignet?

Plattformen und Netzwerke zwingen die Beteiligten viel stärker als früher, sich ihre eigenen Positionen klar zu machen. Sie müssen die Notwendigkeit, Informationen zu teilen, und den Wunsch, eigenes Wissen zu schützen, abwiegen. Daten können leichter getauscht werden, Kooperationen sind schneller möglich. Dadurch brauchen kleine und mittelständische Unternehmen eine größere Kompetenz, um zu erkennen, was für sie wirtschaftlich sinnvoll ist und was nicht. Plattform-Modelle bieten für den Mittelstand neue Möglichkeiten. Aber das heißt nicht, dass es einfacher wird.