"Wir haben heute die Möglichkeit, flexibel auf viel mehr Fragestellungen einzugehen" – Interview mit Annamaria Riemer

© Foto Fraunhofer IMW

Das Team der Gruppe "Professionalisierung von Wissenstransferprozessen" um Annamaria Riemer analysiert gesellschaftliche, politische und ökonomische Aspekte von Zukunftstechnologien. Sie erproben Wissenstransferformate und organisieren Kooperationsprozesse zwischen Forschern und Praktikern. Im Interview beschreibt sie, was eine  Szenarioanalyse gewährleisten muss, um Akteuren bei ihren strategischen Ausrichtungen zu helfen und wie wertvoll internationales Projektmanagement für ihre Arbeit am Fraunhofer IMW ist.

Liebe Frau Riemer, seit Beginn dieses Jahres sind Sie Gruppenleiterin der Gruppe "Professionalisierung von Wissenstransferprozessen" am Fraunhofer IMW. Neben der Vermittlung von Wissenschaft und Forschung, befassen Sie und Ihre Kolleginnen Inga Döbel, Jördis Winkler und Mayra Bezerra Hartmann sich mit Zukunftsanalysen. Wie profitieren Unternehmen und Organisationen von wissenschaftlich fundierter Zukunftsforschung? Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen? In welchen konkreten Fällen haben Sie es zur Anwendung gebracht?

Wir arbeiten mit Akteuren aus der Wissenschaft und Praxis an zukunftsgerichteten Analysen. Diese dienen dazu, dass unsere Kunden und Partner strategische Entscheidungen leichter treffen, die eigenen Ziele schärfen oder Maßnahmen erarbeiten können, die dafür wichtig sind. In der Forschungsallianz AGENT-3D sind wir zum Beispiel mit dem Fraunhofer IWS und IPK sowie weiteren Partnern aktiv, um die relevanten Punkte zur Ausrichtung der Allianz für die Zukunft zu identifizieren. 

In Ihren derzeitigen Projekten zu den Themen Künstliche Intelligenz und Raumfahrt setzen Sie und Ihr Team die Szenario-Methode ein. Wie funktioniert dieses Verfahren in groben Zügen?

In der Szenarioanalyse setzen wir einen Methodenmix ein, der je nach der Aufgabenstellung variieren kann. In der Regel untersuchen wir neben dem eigentlichen Feld auch den relevanten Kontext näher – gesellschaftliche, wirtschaftliche oder ökologische Einflussfaktoren können in die jeweilige Analyse einfließen. Die Szenariobildung selbst kann softwaregestützt vorgenommen werden. Nehmen wir wieder das Beispiel der Forschungsallianz AGENT-3D – hier untersuchen wir die sozioökonomischen Einflussbereiche der additiven Fertigung und wollen herausfinden, wie sich das Forschungskonsortium nachhaltig aufstellen kann. Das heißt konkret: welche Faktoren aus Wirtschaft und Gesellschaft begünstigen oder hemmen den Einsatz additiver Verfahren in der industriellen Fertigung und wie könnte sich zukünftig die Wertschöpfungsorganisation durch die Nutzung additiver Verfahren ändern? Wir untersuchen sowohl die nicht-steuerbaren (z. B. Handelspolitik) als auch die steuerbaren Elemente (z. B. betriebliche Weiterbildung). Dazu identifizieren wir zunächst relevante Einflussfaktoren und listen diese auf – dann wählen wir sogenannte Schlüsselfaktoren mit der Frage 'Warum ist dieser Aspekt besonders wichtig?' aus. So werden aus circa 140 Kriterien nur noch 20, für die wir unterschiedliche Ausprägungsmöglichkeiten, also mögliche Entwicklungslinien, bestimmen. In der darauffolgenden Konsistenzanalyse prüfen wir, welche Kombinationen dieser Ausprägungen sich konsistent, also widerspruchsfrei zueinander verhalten. Das Ergebnis der Konsistenzanalyse sind die Rohszenarien (meistens drei bis fünf), die meistens zu Kurzbeschreibungen ausformuliert werden. Sie sollen die möglichen künftigen Zustände konkret vorstellbar machen und die Adressaten zu Diskussion anregen.

Sie arbeiten in großen Konsortien im internationalen Kontext in Projekten im Themenbereich der Projektkommunikation und der Verwertung der Ergebnisse. Welche Erfahrungswerte, die Sie und Ihre Kolleginnen in diesem Zusammenhang gemacht haben, möchten Sie nicht missen?

Durch unsere Mitarbeit im INTEGRAL- und ALTERFOR-Projekt haben wir gute und effektive Methoden und Instrumente zur Bearbeitung dieser Themen im inter- und transdisziplinären Kontext kennengelernt. Dadurch, dass wir mit unterschiedlichen Akteuren aus unterschiedlichen Ländern im Konsortium zu tun haben, ist es ratsam, die interne Kommunikation und die Organisation der Zusammenarbeit und Arbeitsabläufe intensiv voranzutreiben. Zum Glück klappt das gut, dank der sehr professionellen Projektleitung. Gut organisierte und effektive Video- und Skype-Konferenzen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern verteilt auf mehreren Kontinenten gehören zum Alltag in unseren Projekten. Wir haben viel über intensive Kooperationen mit den Partnern, die wir nur einmal im Jahr 'live' treffen, gelernt.

Im April 2017 blicken Sie auf zehn Dienstjahre am Fraunhofer-Zentrum Leipzig zurück. Sie füllen seit längerem die Funktion der stellvertretenden Abteilungsleiterin der Abteilung Wissens- und Technologietransfer aus. Außerdem sind Sie Ersthelferin am Institut. Wie hat sich das Institut in dieser Zeit aus Ihrer Sicht weiterentwickelt? Was hat Sie besonders beeindruckt? Wo sehen Sie zukünftig Entwicklungspotenzial?

Vor allem die organisatorischen Prozesse haben sich weiterentwickelt und das Institut ist stark gewachsen – als ich am damaligen Fraunhofer MOEZ mit meiner Arbeit begann, waren wir bedeutend kleiner. Auch die Bandbreite der Themen hat sich verändert und vergrößert: Wir haben heute die Möglichkeit, flexibel auf viel mehr Fragestellungen einzugehen – und uns so auf aktuelle Fragen zu fokussieren. Ich sehe in der Projektarbeit ein großes Potenzial, allerdings sollten wir weiter darauf achten, uns up to date zu halten. Zum Beispiel, wenn es darum geht sich neue Methoden anzueignen. Ich wünsche mir eine noch größere Balance zwischen der Projektarbeit und der Zeit für die wissenschaftliche Weiterentwicklung.