Fraunhofer IMW

Industrielle Transformation durch sozio- und technoökonomische Expertise aktiv gestalten

News | Leipzig / 24. Juni 2020

Der Hashtag #WeKnowTransformation war Leitthema der diesjährigen Kuratoriumssitzung des Fraunhofer IMW. Am 24. Juni diskutierten die Kuratorinnen und Kuratoren die Entwicklung des Instituts und den Beitrag des Fraunhofer IMW zur Resilienz von Arbeit, Unternehmen und Regionen in einer durch den digitalen Wandel und die aktuelle Pandemie gekennzeichneten Welt. Durch die digitale Sitzung führte der Kuratoriumsvorsitzende und ehemalige Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Dr. Wilhelm Krull.

Zunächst bedankte sich Prof. Ralf B. Wehrspon, Fraunhofer-Vorstand für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle, bei Institutsleiter Prof. Dr. Thorsten Posselt für die gemeinsamen Projekte und Initiativen, zum Beispiel das Tool Corporate Match, das Fraunhofer-Forschungsleistungen und die dazu passenden Unternehmen miteinander vernetzt. Außerdem schlug er den Bogen zur Rolle des Leipziger Instituts, Fragen des regionalen Strukturwandels zu untersuchen. Im Anschluss ordnete Prof. Posselt die Forschung des Fraunhofer IMW zu Transformationsprozessen in Unternehmen, regionalen Kontexten und zur Digitalisierung der Arbeitswelt ein.

Zukunftssichere Wertschöpfung  

Wenngleich die Basis von industriellem Wandel weiterhin technologischer Fortschritt ist, beschleunigen natürliche Treiber – der Klimawandel, Naturereignisse und Pandemien –  Veränderungen von Wertschöpfungsketten und Industrien, so Prof. Posselt. »Unternehmen müssen ihre bisherigen Geschäftsmodelle überdenken und häufig weiterentwickeln.«, führte er aus. Vor allem der Wert von Daten wird in einer digitalisierten Welt ein immer wichtigerer Vermögenswert. Erst kürzlich schrieb zum Beispiel der Guardian, dass Apples Börsenwert – und hier wird der Wert der Unternehmensdaten offenbar – derzeit bei 1,5 Trilliarden US-Dollar liege. Im Vergleich dazu, im Jahr 2019 betrug das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands rund 3,4 Billionen Euro. In einem Verbundprojekt, »Data Mining und Wertschöpfung«, untersucht das Fraunhofer IMW mit der Universität Leipzig die Potenziale datenbasierter Wertschöpfungsmodelle für kleine und mittelständische Unternehmen. In Pilotprojekten mit Unternehmen testet das Forschungsteam zum Beispiel, wie die Daten des Unternehmens tatsächlich bewertet werden können? Das Team entwickelt einen Index, der in Zukunft diese unternehmerische Entscheidung erleichtern und vor allem Mittelständler bei der gezielten, wirtschaftlichen Nutzung ihrer Daten unterstützen soll.

Regionaler Strukturwandel als Chance

In Regionen, bei energieintensiven Unternehmen und Unternehmensnetzwerken wächst mit der Entscheidung zum Kohleausstieg ebenfalls der Druck zur Transformation. Hier dockt das »Center for Economics of Materials CEM« in Halle (Saale) an, das seit Beginn des Jahres zum Fraunhofer IMW gehört. Die zuvor am Fraunhofer IMWS ansässige Einheit analysiert systemische Wechselwirkungen in Energie- und Stoffverbünden. Das Forschungsteam ergänzt das Fraunhofer IMW um techno-ökonomisches Wissen, zum Beispiel mit volkswirtschaftlichen Modellierungen. In einem Projekt simuliert das Team derzeit, wie sich eine politische Entscheidung wie der Kohleausstieg oder eine neue Technologie wie grüner Wasserstoff auf ein abhängiges Wertschöpfungsnetzwerk wie die chemische Industrie Mitteldeutschlands auswirkt. Das Fraunhofer IMW könnte damit eine Brücke zwischen etablierten Unternehmen und Startups, zum Beispiel im Bereich des grünen Wasserstoffs schlagen.

In den vergangenen Jahren hat das Fraunhofer IMW bereits mehrere Gutachten zum Gelingen von Strukturwandelprozessen erstellt. Für die Kommission »Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung« der Bundesregierung untersuchte ein Forschungsteam beispielsweise international Erfolgsfaktoren und wesentliche Prozesse, durch die ein nachhaltiger Strukturwandel gelingen kann.

Ein interdisziplinäres Team in Leipzig und Halle (Saale) entwickelt jetzt eine »Toolbox Strukturwandel«, um regionale Entscheider und Unternehmer bei der Gestaltung ihrer Strukturwandelprozesse zu unterstützen, Diversifikationspfade und Potenziale für eine klimafreundliche Energie- und Rohstoffversorgung aufzuzeigen. 

Digitaler Wandel der Arbeitswelt

Dass Transformationsprozesse nicht nur Unternehmen und Systeme, sondern auch Menschen direkt beeinflussen, steht im Zentrum des Kooperationsprojekts »Zentrum Digitale Arbeit«. Dort bündelt ein Team des Fraunhofer IMW mit dem Lehrstuhl für Innovationsmanagement und Innovationsökonomie der Universität Leipzig Forschungserkenntnisse zur Bewältigung von digitalen und demografischen Veränderungsprozessen in Unternehmen. Gemeinsam mit den Projektpartnern wird ein digitaler Wissenspool aufgebaut, der die Forschungsergebnisse mit den Praxiserfahrungen aus fünf regionalen Zukunftszentren verknüpft. Die Corona-Pandemie hat die Dringlichkeit des Themas verdeutlicht. Das digitale Arbeiten ist in vielen Unternehmen in kürzester Zeit zum Alltag geworden. Das Fraunhofer IMW möchte in seiner Forschung »mitdenken, wie neue Modelle der Arbeit und der beruflichen Aus- und Weiterbildung aussehen können. Wir diskutieren Ansatzpunkte, wie Investitionen in die Qualifikation der eigenen Mitarbeitenden quantifiziert werden können, was also der »Return on Education« für das Unternehmen sein kann.«, so Institutsleiter Prof. Posselt.

Resilienz fördern

Zum Abschluss präsentierte Institutsleiter Prof. Posselt aktuelle Zahlen und Fakten zur Entwicklung des Fraunhofer IMW im Geschäftsjahr 2019. Das Fraunhofer IMW konnte sich im vergangenen Jahr nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell kontinuierlich weiterentwickeln. Welche Auswirkungen die aktuelle Pandemie haben wird, bleibt im Moment jedoch noch abzuwarten. Viele Unternehmen halten sich verständlicherweise im Moment bei Investitionen in Forschungs- und Entwicklungsprojekte zurück – gleichzeitig kann jede Krise auch eine Chance sein. Während die operative Arbeit in Unternehmen stoppt, bietet dieser Raum die Möglichkeit, gezielt neues Wissen zu heben, neue Geschäftsmodelle und Services zu denken und die Reaktionsfähigkeit des eigenen Unternehmens zu stärken. Prof. Posselt: »Wir sind gut beraten, die Resilienz von Unternehmen, Organisationen und Systemen nicht nur vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu sehen, sondern ganz allgemein vor dem Hintergrund disruptiver Innovationen. Im Grunde sind in der Wissenschaft viele Lösungen bereits bekannt – daher ist es wichtig, Forschungserkenntnisse in Pilotprojekten zu testen, um Umsetzungsbarrieren zu überwinden

Das Spektrum an Kompetenzen und die bisherigen Entwicklungen lassen Prof. Posselt optimistisch in die Zukunft blicken: Gemeinsam sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Lage, Fragen zur industriellen Transformation aktiv mitzugestalten und mittelständischen Unternehmen dabei unterstützend zur Seite zu stehen.

Die nächste Kuratoriumssitzung findet voraussichtlich am 15. Juni 2021 statt.